Fachveröffentlichungen
ReIntra - ein Modell zur Wiedereingliederung
schwer(st)verletzter Unfallopfer


Einleitung

Jährlich verunglücken in Deutschland etwa 500.000 Menschen im Straßenverkehr, davon erleiden mehr als 20 % schwerste Verletzungen (1997: 509.643 Verunglückte, davon 115.414 Schwerverletzte [9]). Einer Hochrechnung zufolge sterben bundesweit täglich 23 Personen im Straßenverkehr; darüber hinaus tragen täglich 32 Unfallopfer schwere und schwerste Verletzungen davon [9]. Insgesamt ist die Anzahl der Unfälle mit Personenschäden seit einigen Jahren stabil [7]. Allerdings hat sich die Art der Unfallfolgen deutlich verändert: weniger Menschen werden getötet, dafür steigt die Zahl von schwerverletzten Unfallopfern [8]. Im Zeitraum von 1970 bis 1994 konnte durch den Ausbau eines komplexen Rettungssystems und eine deutliche Verbesserung der Traumaversorgung die Letalitätsrate der Unfallopfer um die Hälfte reduziert werden [13].
Ein schwerer Unfall unterbricht die Kontinuität des Lebens schlagartig und verlangt dem Unfallopfer und seinen Angehörigen, den sog. indirekten Unfallopfern, extreme Anpassungsleistungen ab. Dies führt in vielen Fällen zu langjähriger medizinischer und rehabilitativer Versorgungspflicht. Nicht selten stellt sich darüber hinaus ein psychosomatischer Chronifizierungsprozeß ein, der von Kliniken oft nicht erkannt und somit nicht behandelt wird [1, 6]. Ein Problem ganz besonderer Art stellen Personen dar, die unschuldig schwerste Unfallfolgen erlitten haben. Der Opferrolle ist besondere Beachtung beizumessen, da eine hierdurch bedingte mangelhafte Unfallverarbeitung zu einer Chronifizierung der psychischen und physischen Beeinträchtigungen führen kann und der Wiedereingliederung im Wege steht.
Deutschland zeichnet sich durch ein hervorragendes Sozialsystem und auch eines der weltweit besten Gesundheitssysteme aus, das nicht nur ein erstklassig ausgebautes Notfallsystem [14], sondern auch ein weit entwickeltes medizinisches Versorgungsnetz im Rehabilitationsbereich beinhaltet. Seit vielen Jahren schon existiert die Fachrichtung des "Arztes für physikalische und rehabilitative Medizin". Der großen Bedeutung dieses medizinischen Arbeitsbereiches wurde durch die Zusatzbezeichnung "Rehabilitationswesen" Rechnung getragen [4]. Trotz dieses hohen Grades an institutionalisierter Spezialisierung läßt der Erfolg der sozialen und beruflichen Wiedereingliederung häufig zu wünschen übrig.
Der Weg eines Unfallopfers ist in unserem Sozialsystem weitgehend vorgegeben. Der Akutversorgung (Intensivstation/klinische Erstversorgung) folgen sehr häufig lange Aufenthalte in Spezialkliniken und anschließend klinische und ambulante Rehabilitationsmaßnahmen. Auf jeder dieser Stationen des Genesungsprozesses wird der Patient, der - psychisch schwer angeschlagen - mit der Unfallverarbeitung noch nicht zurechtkommt, mit neuen Ärzten und Betreuern konfrontiert. Ein bestehendes Patienten-Arzt-Verhältnis wird abgebrochen und ein neues muß mühsam aufgebaut werden, erwartet man doch stets die gute Compliance des Patienten. Dieser soll unter Einbindung von Sozialarbeitern, Reha-Beratern, Berufshelfern sowie mit Hilfe seines Rechtsanwaltes seine berufliche und soziale Reintegration erreichen. Diese Situation wird vom Patienten meist als belastend empfunden und verlangt daher nach einer Instanz, die die Rolle eines medizinisch-sozialen Mediators [2] übernimmt, um ein koordiniertes und erfolgversprechendes Vorgehen zu sichern.


Der medizinisch-berufskundliche Reintegrationsdienst ReIntra

Wer koordiniert eine qualitativ hochwertige
Wiedereingliederung des Unfallopfers?

Im Jahre 1997 wurde der medizinisch-berufskundliche Beratungs- und Reintegrationsdienst ReIntra durch die Bayerische Rückversicherung AG ins Leben gerufen. ReIntra ist ein Dienst, der mit dem Ziel eingerichtet wurde, Unfallopfer vom Unfalltag bis zur sozialen und beruflichen Wiedereingliederung zu betreuen. Beauftragt wird ReIntra von Versicherungsgesellschaften (i. d. R. Großschadenregulierer der Haftpflichtversicherungen), die auch die anfallenden Kosten des Dienstes übernehmen.
Der Bedarf für einen solchen Dienst ist bereits an verschiedenen Stellen in der internationalen medizinischen Fachliteratur indirekt angemeldet worden. So wird immer wieder beklagt, daß der Langzeiterfolg von Therapien und Wiedereingliederung bei schwerverletzten Erwachsenen und Kindern heute immer noch weitgehend unerforscht ist [3, 12]. Die verschiedenartigen Bedürfnisse der Unfallopfer sind in Tabelle 1 aufgeführt. Unfallopfer erwarten zunächst Hilfen zur sozialen und beruflichen Wiedereingliederung. Finanzielle Entschädigungsleistungen sind zwar wichtig, stehen aber im Vergleich dazu, insbesondere in der Anfangsphase, eher im Hintergrund. Diesen Erwartungen kann am ehesten im Rahmen eines persönlichen und vertrauensvollen Patienten-Betreuer-Verhältnisses entsprochen werden. Das Betreuerteam setzt sich bei ReIntra aus einem Arzt und einem Berufskundler zusammen.

Tabelle 1:
Was brauchen Unfallopfer?
- Finanzielle Absicherung
- Medizinische Versorgung
(Fachspezialisten und Spezialkliniken)
- Problemgerechte Anschlußtherapien und Rehabilitationsmaßnahmen
- Psychologische Betreuung bei der Unfallverarbeitung
- Früheitige Hilfestellung, um einen physischen und/oder psychischen Chronifizierungsprozeß zu vermeiden
- Psychosoziale Betreuung
- Fachkundige, nicht an Interessen gebundene Beratung bei notwendigen Qualifizierungsmaßnahmen
- Beistand zur positiven Krankheitsbewältigung und zum aktiven Mitwirken am Genesungsprozeß (Selbsthilfegruppen)
- Hilfe bei Lebensumstrukturierungen
- Bestärkung zur Annahme des neuen Ichs
- Soziale Reintegration (Familie, Freundeskreis, Berufsleben)
- Hilfe bei der schulischen bzw. beruflichen Ausbildung
- Unterstützung bei der beruflichen Integration (am alten, veränderten oder am neuen Arbeitsplatz)

Das ReIntra-Team - seine Kompetenzen,
seine Qualifikationen

Das ReIntra-Team setzt sich zusammen aus Medizinern und berufskundlichen Beratern.

Die Ärzte des ReIntra-Teams kommen aus den Fachgebieten Innere Medizin, Arbeitsmedizin, Rehabilitationsmedizin, Neurologie und Kinderheilkunde. Man könnte sie als "spezialisierte Generalisten" mit einem besonders ausgeprägten Verständnis und Einfühlungsvermögen für Patienten mit schweren Langzeitschäden bezeichnen. Darüber hinaus bestehen intensive Kontakte zu Spezialisten wie Unfallchirurgen, Psychiatern, Psychosomatikern, Psychologen, Orthopäden und Rehabilitationsmedizinern.
Die zweite Säule des ReIntra-Teams bilden die berufskundlichen Berater, die - wie die Mediziner - besonders dafür ausgebildet sind, in den komplexen Problemfällen von Opfern schwerster Unfälle zu beraten. Sie können als Synthese aus Sozialarbeitern und Berufsberatern charakterisiert werden. Die berufskundlichen Berater haben jeweils zunächst einen Beruf erlernt, in diesem mehrjährige Erfahrung gesammelt und dann ein Fachhochschulstudium absolviert. Dort erwarben sie interdisziplinäre Kenntnisse, die sie dann in ihrer langjährigen Beratung von Arbeit-nehmern und Arbeitgebern anwenden und weiterentwickeln konnten. Schwerpunkte ihrer Arbeit waren dabei alle Fragen des Arbeitsmarktes, insbesondere im Zusammenhang mit Ausbildung, Fortbildung, Umschulung und der beruflichen Eingliederung. Im Rahmen dieser auch bei ReIntra fortgeführten Tätigkeit erarbeiten sich die berufskundlichen Berater ein Netzwerk von Kontakten zu Institutionen, Behörden und Betrieben, das kontinuierlich zum Nutzen von Unfallopfern gepflegt und laufend ausgebaut wird.


Die Vorgehensweise von ReIntra

ReIntra bedeutet Management - Management für das Unfallopfer oder sog. Schadenmanagement. Die Aufgaben dieses Service sind im wesentlichen drei: Zeitmanagement, Optimierungs-/ Qualitätsmanagement und Informationsmanagement.
ReIntra wird durch die Schadenregulierer der Erstversicherer über die Schadensfälle informiert mit der Bitte um medizinisch-berufskundliche Stellungnahme. In Frage kommen Patienten mit Verletzungen jeglicher Art, die zu Dauerschäden führen und/ oder eine Tätigkeit im alten Beruf undenkbar erscheinen lassen.
Nachdem die Fälle bei ReIntra eingegangen sind, durchlaufen sie verschiedene Phasen (Phase I bis III s. Abbildung). Voraussetzung für die Aktivierung des Dienstes ist eine Schweigepflichtentbindung von seiten des Patienten und eine Einverständniserklärung des Rechtsanwaltes, der das Unfallopfer betreut.



Phase I
Diese Phase der medizinischen Abklärung sollte so bald wie möglich nach dem Unfallgeschehen eingeleitet werden. Sie beginnt mit dem Studium der medizinischen Akten und der Kontaktaufnahme zu den behandelnden Ärzten. Eine umfangreiche Recherche (Telefonate mit Anspruchsteller, Krankenhaus, Angehörigen, Hausarzt, Spezialisten, Juristen, Schadenregulierer) schließt sich an. Ziel dieser Phase ist es, eine Vertrauensbasis zwischen Patienten und ReIntra zu schaffen, eine Prognose zu stellen und einen ersten Besuchstermin mit dem Unfallopfer zu vereinbaren.

Phase II
Während der zweiten Phase steht zunächst die persönliche Kontaktaufnahme mit dem Patienten im Vordergrund. Diese übernimmt üblicherweise zuerst der Mediziner. Im Rahmen einer multidimensionalen Beurteilung (multidimensionales Assessment) wird die Situation des Unfallopfers möglichst weitgehend erfaßt, so daß sich die Berater nun ein vollständiges Bild über die Situation verschaffen können. Dabei werden alle Informationen zum körperlichen Befinden des Patienten, zu seinem sozialen und ökonomischen Status, alle noch ausstehenden medizinischen Daten und weitere Informationen, die für das Gesamtbild der Lebensumstände des Patienten von Bedeutung sein können, gesammelt und dokumentiert. In einer Teambesprechung wird das weitere Vorgehen gemeinsam festgelegt. Ziel der Phase II ist, ein umfassendes und für den Patienten optimiertes Rehabilitationskonzept für die kommenden Monate bis Jahre zu erarbeiten.

Phase III
Dieser letzte Abschnitt ist der intensiven Wegbegleitung des Unfallopfers gewidmet. Ziel ist, den Geschädigten kontinuierlich bis zur vollständigen sozialen und beruflichen Reintegration zu begleiten in Anlehnung an den in Phase II erarbeiteten Reintegrationsplan. Hier arbeitet ReIntra gemeinsam mit den Ärzten und Rehabilitationseinrichtungen, den einschlägigen Institutionen, dem Arbeitgeber und den Personen aus dem sozialen Umfeld des Patienten zusammen. Hauptelement von Phase III ist die dauerhafte berufliche Wiedereingliederung. Sie kann entweder mit oder ohne zusätzliche Bildungsmaßnahmen erfolgen. Die berufskundlichen Berater sind im Rahmen dieser wegbegleitenden Phase Koordinatoren, Vertrauensleute und Ansprechpartner für alle anstehenden Probleme des Patienten. Die Aufrechterhaltung des Vertrauensverhältnisses (z. B. durch intensive telefonische und persönliche Betreuung) ist dabei von ganz besonderer Bedeutung, besonders auch im Hinblick auf die psychische Stabilität und die soziale Reintegration des Unfallopfers. Die gängigen Interventionen durch ReIntra sind in Tabelle 2 aufgeführt.


Tabelle 2:
Gängige Interventionen
durch ReIntra
Medizin
- Vermittlung an Spezialisten bzw. Spezialkliniken zur Behandlung
- Vorstellung beim Experten, Einholung einer zweiten Meinung
- Entwicklung von therapeutischen Konzepten
- Vermittlung einer psychologischen Betreuung
- Koordination der Reintegrationsmaßnahmen
- Wegbegleitung über Telefon und Besuche
- Auswahl, ggf. auch Besuch von medizinischen Einrichtungen
- Hilfsmittelberatung und -vermittlung

Beruf
- Vermittlung und Betreuung von beruflichen Maßnahmen
- Belastungserprobung
- (erweiterte) Berufsfindungs- und Arbeitserprobungsmaßnahme
- Reha-Vorbereitungslehrgang
- Teilqualifikation
- Fortbildung
- Umschulung
- Nachhilfeunterricht
- Bewerbungstraining
- Arbeitgebergespräch
- Erwerb von Führerscheinen
- Wegbegleitung über Telefon und Besuche
- Hilfsmittelberatung und -vermittlung

Sonstiges
- Technische Umbauten: im häuslichen Bereich, am Kfz, am Arbeitsplatz
- Beschleunigung des Kostenübernahmeverfahrens (durch Versicherungsgesellschaft, öffentlichen Kostenträger oder sonstige Intervention)

Das von ReIntra betreute
Patientenkollektiv


Die Unfallopfer werden durch ReIntra über einen relativ langen Zeitraum (i. d. R. mehrere Jahre) betreut (Längsschnitterhebung). Es handelt sich zudem um ein speziell selektiertes Kollektiv. Alle Patienten sind Opfer schwer(st)er Unfälle, deren bisheriger Reintegrationsprozeß nicht problemlos verlief. In diesen Fällen waren die Versicherer durch hohe Schadensummen bereits finanziell besonders gefordert.
Die Entscheidung über eine Aufnahme durch ReIntra wird in erster Linie durch die Versicherungsgesellschaften getroffen. Auswahlkriterien sind z. B. schwere Verletzungsmuster, gescheiterte Wiedereingliederungsversuche, Komplikationen im Heilungsverlauf und drohende Dauerpflege. Bei dem von ReIntra betreuten Kollektiv wurden 27,5 % der Patienten weniger als sechs Monate nach dem Unfallereignis, 21 % sechs bis zwölf Monate und 24 % zwölf bis 24 Monate nach dem Unfall gemeldet. Bei weiteren 27,5 % lag der Unfall länger als zwei Jahre zurück, wobei die Zeitspanne in Extremfällen (bei Spätschäden) mehr als zehn Jahre betragen kann. Im Durchschnitt setzte die Betreuung durch ReIntra eineinhalb Jahre nach dem Unfall ein.
Die hier veröffentlichte Auswertung basiert auf 109 Unfallopfern, die sich derzeit in Phase III der Betreuung befinden oder unmittelbar vor dem Eintritt in diese Phase stehen. Die Patienten wurden im Mittel 17 Monate lang von ReIntra betreut, und es lassen sich bereits erste Aussagen über den Reintegrationserfolg treffen.
Bei dem von ReIntra betreuten Kollektiv handelt es sich zu 25 % um weibliche und zu 75 % um männliche Unfallopfer. Die Altersverteilung (2 Jahre bis 54 Jahre) weist einen Mittelwert von 27 Jahren auf. Der größte Anteil der Unfallopfer ist zwischen 18 und 25 Jahre alt (38 %), der Rest verteilt sich auf die Altersgruppen 26 - 35 Jahre (24 %), jünger als 18 Jahre (17 %), 36 - 45 Jahre (12 %) und älter als 45 Jahre (9 %). Die häufigsten Unfallarten sind Pkw-Unfälle (56 %), gefolgt von Motorradunfällen (34 %) und Unfällen mit dem Fahrrad (3%) oder als Fußgänger (4 %) sowie Unfällen außerhalb des Straßenverkehrs (3 %).


Definition von Erfolg im Reintegrationsmodell
Geht man von dem aus, was das Handeln und Denken in der westlichen Welt und in unserer Gesellschaftsordnung bestimmt, so wird man sagen, daß unser Kulturkreis geprägt ist vom Streben nach Arbeit und davon, einen Beitrag zum Bruttosozialprodukt zu leisten. Es gelten die Formeln: "Rehabilitation vor Rente" und "Rehabilitation vor Pflege" [8, 5]. Dementsprechend ist der Erfolg von ReIntra am Grad der Wiedereingliederung zu messen.
Für die Versicherungsgesellschaften besteht nur dann die Möglichkeit, langfristig Geld zu sparen, wenn es dem Patienten psychisch, physisch und sozial besser geht. Als Erfolg von ReIntra kann daher die durch diesen Dienst erzielte "win-win"-Situation definiert werden, also ein gewinnbringendes Ergebnis sowohl für das Unfallopfer als auch für die kostentragenden Versicherungsgesellschaften, wobei die individuelle Gesundheit des Patienten allerdings stets im Vordergrund steht.
Man kann zwischen verschieden Arten von Erfolg unterscheiden. Medizinischer Erfolg bedeutet, Defizite (funktionell, physisch, psychisch, kognitiv) zu beheben und die allgemeine Lebensqualität des Patienten zu verbessern. Aber auch einen nicht verbesserungsfähigen Zustand (z. B. bei Dauerpflegefällen) zu erhalten, ist als medizinischer Erfolg anzusehen, wenn dadurch eine konstant progrediente Verschlechterung vermieden wird.
Das immer schockartige Erleben eines schweren Unfalls mit den damit verbundenen Einschränkungen und Belastungen des "Lebens nach dem Unfall" verursacht häufig schwere psychosoziale Komplikationen. Der Patient muß von einem Tag auf den nächsten zum Fachmann für seine neuen und noch kaum zu überblickenden Bedürfnisse werden. Unter sozialem Erfolg versteht man dann, daß dem Unfallopfer der schwierige Schritt gelingt, das neue Ich zu akzeptieren.
Zum beruflichen Erfolg gehört eine dauerhafte Wiedereingliederung - gegebenenfalls mit Hilfe einer Berufsfindung, Fortbildung oder Umschulung - in den alten, einen veränderten oder einen neuen Arbeitsplatz.


Ergebnisse der Patientenbetreuung
durch ReIntra

Verletzungsmuster
Bei den Verletzungsmustern der von ReIntra betreuten Patienten handelt es sich in den meisten Fällen um Frakturen und andere Läsionen im Bereich des Haltungs- und Bewegungsapparates, gefolgt von Schädel-Hirn-Traumata und Paresen. Meist liegen multiple Verletzungen vor, wobei ein Patient durchschnittlich sechs Einzelverletzungen aufweist. Als häufige Kombinationen fielen dabei multiple Frakturen im Bereich des Haltungs- und Bewegungsapparates zusammen mit Paresen auf, Schädelfrakturen kombiniert mit Schädel-Hirn-Traumata und hirnorganischem Psychosyndrom sowie Schädel-Hirn-Traumata in Verbindung mit psychischen Auffälligkeiten (s. Tabelle 3).


Tabelle 3:
Verletzungsmuster
von 109 Patienten
Verletzungsmuster
(Mehrfachnennungen möglich)
- Frakturen oder andere Läsionen im Bereich
des Bewegungs- und Haltungsapparates
82 %
- Schädel-Hirn-Traumata 50 %
- Paresen/Lähmungen (außer Querschnitte)
45 %
- Polytrauma 42 %
- Organ- und Weichteilverletzungen 40 %
- Posttraumatische Komplikationen 40 %
- Psychische Auffälligkeiten 39 %
- Frakturen im Schädelbereich 25 %
- Hirnorganisches Psychosyndrom 23 %
- Querschnittslähmungen 11 %
- Apallisches Syndrom 10 %
- Amputationen 6 %

Problemanalyse zum Zeitpunkt des Betreuungsbeginns
Betrachtet man die Unfallopfer zum Zeitpunkt des Eintritts bei ReIntra (im Mittel ca. 1,5 Jahre nach dem Unfallereignis), so liegen meist schwerwiegende gesundheitliche, berufliche und soziale Probleme vor. Sie zeichnen sich aus durch komplizierte Krankheitsverläufe und geringe Wahrscheinlichkeit einer beruflichen und sozialen Wiedereingliederung (s. Tabelle 4).

Tabelle 4:
Problemanalyse zum Zeitpunkt
des Betreuungsbeginns (n = 109)
Problemanalyse Phase I/II
(Mehrfachnennungen möglich)
Medizinische Situation
- Dauerschäden 100 %
- Psychische Schäden 39 %
- Komplikationen 32 %
- Chronifizierung 28 %
- Pflegefälle 9 %
- Vorerkrankungen

5 %
Soziale Situation
- Drastische Probleme mit der Unfallverarbeitung 51 %
- Zusätzliche belastende Ereignisse 40 %
- Familienprobleme 8 %
- Finanzielle Schwierigkeiten

6 %
Berufliche Situation
- Ausübung des alten Berufes nicht möglich 62 %
- Ausbildung nicht vollendet bzw. unterbrochen 27 %
- Arbeitslos 14 %
- Rente (ca. 1/3 unbefristet, 2/3 befristet) 12 %
- Überforderung in Umschulung/Ausbildung 6 %
- Ohne Schulabschluß 6 %

Bei 9 % der Patienten handelt es sich um Pflegefälle. Der Schwerpunkt der Betreuung liegt im Aufbau von Selbständigkeit im persönlichen Leben, um damit eine Stabilisierung der sozialen Lage zu erreichen.
Spät- oder Dauerschäden im Sinne körperlicher Funktionseinschränkungen bestehen bei allen Patienten. Bei 32 % der Unfallopfer traten posttraumatische Komplikationen auf (z.. B. Thrombose der tiefen Beinvenen, Hirninfarkt, Epilepsie, Hydrozephalus, Infektionen, Sepsis, Abszesse, Osteomyelitis und Fisteln), bei 39 % psychische Beeinträchtigungen (meist Depressionen, in seltenen Fällen auch paranoide Psychosen). Bestehende Vorerkrankungen (z. B. neurologischer, kardiologischer oder pulmonologischer Genese) liegen selten (5 %) vor, da es sich in aller Regel um junge Unfallopfer ohne bestehende Grunderkrankungen handelt.
Bei 28 % der ReIntra-Fälle lag eine Chronifizierung vor, die sich nicht auf Spät-, Folge- oder Dauerschäden, sondern auf eine schwerwiegende und dauerhafte Unfähigkeit bezieht, sich ins berufliche und soziale Leben wiedereinzugliedern, und stets eine psychische Komponente aufweist. Häufig handelt es sich in diesen Fällen um Depressionen, schwerste und oft therapieresistente Schmerzsyndrome und soziale Isolation, die manchmal sogar bis zur Suizidgefährdung reichen. Charakteristisch für eine Chronifizierung ist, daß das subjektive Krankheitsgefühl des Patienten und sein daraus resultierendes Verhalten oft in keiner angemessenen Relation zu den medizinischen Befunden stehen [5].
Bei Erhebung des berufskundlichen Status praesens wurde ermittelt, daß sich 12 % der Unfallopfer in Rente (befristet oder unbefristet) befanden. Bei 62 % war eine Ausübung des alten Berufes nicht mehr möglich, weitere 27 % konnten durch den Unfall ihre schulische oder berufliche Ausbildung nicht vollenden bzw. mußten sie unterbrechen. Bei 6 % der Fälle lag eine Überlastung in der Umschulung bzw. Ausbildung vor, so daß diese wieder abgebrochen werden mußte - eine Tatsache, die häufig zu psychischen Folgereaktionen führt. In einigen Fällen komplizierte sich die Lage durch einen fehlenden Schulabschluß (6 %) oder durch eine bereits vor dem Unfall bestehende Arbeitslosigkeit (14 %). Diese Fälle fordern die berufskundlichen Berater in ganz besonderem Ausmaß.

Auch auf sozialer Ebene existieren sehr häufig Schwierigkeiten, die eine Wiedereingliederung erheblich komplizieren. So lähmen oft Familienprobleme (8 %), finanzielle Schwierigkeiten (6 %) oder drastische Probleme bei der Unfallverarbeitung (51 %) die Bereitschaft oder Fähigkeit des Patienten, aktiv bei seiner sozialen und beruflichen Reintegration mitzuhelfen. In 40 % der Fälle kamen zusätzlich zum bestehenden Schicksal weitere belastende Situationen hinzu (z. B. schwere Krankheit oder Tod eines nahen Angehörigen, eigene nicht mit dem Unfall zusammenhängende somatische Erkrankung, Verlust des Freundeskreises durch den Unfall, Tod eines Angehörigen beim Unfall).


Prognose und Ergebnisse
des erzielbaren
Wiedereingliederungserfolges

Zu Beginn der Betreuung durch ReIntra (Phase I und II) erstellen die Ärzte und Berufskundler eine Prognose über das Wiedereingliederungspotential des Patienten. Im Laufe von Phase III kann dann eine vorläufige Aussage über den tatsächlichen Wiedereingliederungserfolg getroffen werden (s. Tabelle 5). Dennoch bedarf es einer weiterführenden Betreuung, um die gerade angelaufene Wiedereingliederung zu stabilisieren und einen Langzeiterfolg herbeizuführen.


Tabelle 5:
Prognose und Ergebnisse des
erzielbaren Wiederein-
gliederungserfolges (n = 109)
Ergebnis nach prognostischer Einschätzung

Prognostische Einschätzung nach ReIntra:

- berufliche Wiedereingliederung wahrscheinlich 57 %
- berufliche Wiedereingliederung evtl. möglich 32 %
- berufliche Wiedereingliederung unmöglich
11 %

Nach einer mittleren Betreuungsdauer der Patienten von 17 Monaten ergab sich folgendes vorläufiges Ergebnis:
- Pflege 9 %
- in der medizinischen Rehabilitation 17 %
- Berufliche Neuorientierung
davon:
58 %
2/3 Arbeitserprobung/Berufsfindung
1/3 Umschulung
Arbeitsleben 16 %

Nach der prognostischen Einschätzung durch ReIntra war eine berufliche Wiedereingliederung in 57 % der Fälle wahrscheinlich, in 32 % immerhin möglich. Tatsächlich bewegten sich nach einer mittleren Betreuungsdauer der Patienten von 17 Monaten bereits 74 % der Unfallopfer hin in Richtung Beruf (58 % Umschulung bzw. Berufsfindung, 16 % vollschichtige Berufstätigkeit). Neben den 9 % Pflegefällen haben 17 % die medizinische Rehabilitation noch nicht verlassen. Hier bleibt abzuwarten, welche Patienten dauerhaft pflegebedürftig bleiben und bei wie vielen sich später noch berufliche Möglichkeiten auftun werden. Diese Zahlen verdeutlichen, daß der medizinisch-berufskundliche Beratungsdienst in der Lage ist, eine hohe Wiedereingliederungsrate zu realisieren.


Diskussion Durch Unfälle verursachte Traumata stellen ein ernstzunehmendes Problem in unserer Gesellschaft dar, das nicht nur mit schweren Schicksalen, sondern auch mit hohen volkswirtschaftlichen Verlusten (Pflegebedürftigkeit und verlorene Produktivität junger Menschen) verbunden ist [13, 11].
Das von ReIntra betreute Kollektiv von Opfern schwer(st)er Unfälle zeigt, daß in der individuellen rehabilitativen Versorgung Defizite bestehen. Die Auswertung ergab, daß die Hauptprobleme im Reintegrationsprozeß selbst zu suchen sind.
Trotz der Vielzahl von Einrichtungen mit hohem Qualitätsniveau [5] stellt sich die Frage nach den Gründen für die Defizite in der erfolgreichen Reintegration. Leider spielen auch in der heutigen Medizin Fragen der Krankheits- und Behinderungsfolgen immer noch eine zu sehr untergeordnete Rolle [10]. Die Schnittstellen zwischen Intensivstation, Akutkrankenhaus, Spezialkliniken, Frühreha, medizinischen und beruflichen Rehabilitationseinrichtungen sowie auch im ambulanten Bereich weisen derart drastische Mängel auf, daß die Koordination durch eine außenstehende Organisation wie ReIntra dringend geboten erscheint.
Die Betreuung von Patienten mit Dauerschäden sollte in einer intensiven und interdisziplinären Zusammenarbeit die Gesamtheit aller medizinischen, beruflichen, sozialen, pädagogischen und anderen Sektoren umfassen, um die erfolgreiche Reintegration des Unfallopfers in Arbeit, Beruf und Gesellschaft sicherzustellen. Essentiell hierbei ist die Vermeidung von irreparablen Folgen einer mangelhaften oder nicht bedarfsgerecht durchgeführten Rehabilitation. Auch müssen sich bereits die Akutkrankenhäuser als ein entscheidendes Glied der Rehabilitationsgesamtkette [10, 4] sehen, damit der Rehaprozeß nicht bereits von Beginn an Unzulänglichkeiten aufweist.
Entscheidende Bedeutung ist der Mediatoren- oder Vermittlerrolle von ReIntra zuzuschreiben. ReIntra fungiert hier als "Manager für den Patienten" und führt durch ihre Koordinations- und Beratungsleistungen deutliche Erfolge herbei. ReIntra konnte auch die Kommunikation zwischen Behörden, Ämtern und Rechtsanwälten verbessern und dazu beitragen, daß sich die Unfallopfer nicht mehr so verloren fühlten und besser mit ihren Ängsten umzugehen lernten.
Dabei ist der Aufbau eines frühen Vertrauensverhältnisses zwischen Unfallopfer und Manager entscheidend. Die drei Aufgaben des ReIntra-Dienstes sind im wesentlichen Zeitmanagement, Optimierungs- und Qualitätsmanagement sowie Informationsmanagement. Die Funktion für das Unfallopfer besteht darin, den Patienten nach multidimensionaler Analyse der Situation zu eigenverantwortlichen Entscheidungen und individuellem Handeln anzuregen. Darüber hinaus sind die Betreuer Ansprechpartner für alle Sorgen und Probleme im Zusammenhang mit der Reintegration in ein posttraumatisch möglichst "normales Leben".
Eine Sonderrolle nimmt der ReIntra-Berater auch bei der Nahtstellenüberwachung ein, insbesondere beim Übergang von einer Station der Krankheitsbewältigung zur anderen (Akutkrankenhaus, Frühreha, medizinische Reha, berufliche Reha). Weiterhin kann ein entscheidender Beitrag zur Vermeidung von Informationsverlusten geleistet werden, die sich durch die Übergänge von einer Betreuungseinheit zur nächsten ergeben können.
Abschließend bleibt zu bemerken, daß die bestehenden Defizite in der Reintegration von Unfallopfern in ihr soziales und berufliches Leben in hohem Maße die Notwendigkeit der Intervention eines Dienstes wie ReIntra bestätigen. Für die Zukunft ist es durchaus vorstellbar, daß sich das ReIntra-Modell auch auf andere Bereiche des Gesundheitswesens übertragen läßt.


Zusammenfassung ReIntra ist ein medizinisch-berufskundlicher Beratungs- und Reintegrationsdienst, der 1997 mit dem Ziel ins Leben gerufen wurde, die Reintegration von Opfern schwer(st)er Unfälle in ihr soziales und berufliches Leben zu unterstützen. Wir berichten über 109 Patienten mit schwersten Verletzungsmustern, deren bisheriger Wiedereingliederungserfolg zu wünschen übrig ließ. Die Auswertung durch ReIntra nach einem mittleren Betreuungszeitraum von 17 Monaten ergibt, daß die Hauptprobleme der Patienten nicht im medizinischen Versorgungssystem, sondern im Reintegrationsprozeß selbst zu suchen sind. So handelt es sich insbesondere um Probleme im Schnittstellenbereich zwischen den einzelnen Versorgungsstationen.
Nach den zahlreichen Interventionen durch ReIntra können vorläufige Erfolgsaussagen getroffen werden. In 9 % der Fälle war eine berufliche Wiedereingliederung durch zu schwere Verletzungsmuster nicht mehr möglich. 17 % haben die medizinische Rehabilitation noch nicht verlassen, wobei eine Aussage über eine endgültige vollschichtige Arbeitsaufnahme noch nicht getroffen werden kann. 58 % der Unfallopfer befinden sich in der Phase der beruflichen Neuorientierung. Weitere 16 % stehen bereits wieder voll im Berufsleben.


 
Literatur


[1] Allen, S. N., Bloom, S. L.: "Group and family treatment of post-traumatic stress disorder", Psychiatr. Clin North Am, 1994, June, 17 (2): 425 - 437.
[2] Bohnert, W.: "Tasks of case managers in statutory accident insurance", Rehabilitation, 1997, February, 36 (1): 39 - 47.
[3] Braithwaite, I. J., Boot, D. A., Patterson, M., Robinson, A.: "Disability after severe injury: five year follow up of a large cohort", Injury 1998, January 29 (1): 55 - 59.
[4] Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation: "Rehabilitation Behinderter: Schädigung, Diagnostik, Therapie, Nachsorge - Wegweiser für Ärzte und weitere Fachkräfte der Rehabilitation", Deutscher Ärzte-Verlag, 2. Auflage 1994.
[5] Delbrück, H., Haupt, E.: "Rehabilitationsmedizin - Therapie- und Behandlungskonzepte bei chronischen Krankheiten", Urban & Schwarzenberg, 1996.
[6] Ehlers, A., Mayon, R. A., Bryant, B.: "Psychological predictors of chronic posttraumatic stress disorder after motor vehicle accidents", J Abnorm Psychol, August, 107 (3): 508 - 519.
[7] Hannover-Forum: "Die Zukunft des schweren Personenschadens in der Kraftfahrzeug-Haftpflicht-Versicherung - Schädigung, Prognose, Kosten", e+s rück, 1997.
[8] Informationsbroschüre "ReIntra - medizinisch-berufskundlicher Beratungs- und Reintegrationsdienst", ReIntra GmbH, Postfach 22 13 65, 80503 München.
[9] Klose, E.: "Bewertung von Einflüssen auf Unfallopfer", Bericht zum 37. BDP-Kongreß für Verkehrspsychologie 1998 in Braunschweig, TÜV MPI GmbH, Unternehmensgruppe TÜV Südbayern.
[10] Matthesius, R. G., Jochheim, K. A., Barolin, G. S., Heinz, C.: "ICIDH - International Classification of Impairments, Disabilities and Handicaps (WHO)", Ullstein Mosby GmbH, 1995.
[11] Merhoff, F.: "Return to work after occupational accidents and occupational diseases", Rehabilitation, 1997, May, 36 (2): 84 - 91.
[12] Orliaquet, G. A., Meyer, P. G., Blanot, S., Jarreau, M. M., Charron, B., Buisson, C., Carli, P. A.: "Predictive factors of outcome in severely traumatized children", Anest Analg, 1998, September, 87 (3): 537 - 542.
[13] Tscherne, H., Regel, G.: "Unfallchirurgie - Traumamanagement", Springer-Verlag, 1997.
[14] Zintl, B., Ruchholtz, S., Nast-Kolb, D., Waydhas, C., Schweiberer, L.: "Quality management in early clinical multiple trauma care. Documentation of treatment and evaluation of critical care quality.", Unfallchirurg, 1997, October, 100 (19): 811 - 819.



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