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Lähmungen nach Hirnschädigung:
Neue Behandlungsmethoden verbessern das Rehabilitationsergebnis Zentrale Lähmungen Periphere Lähmungen Schwerwiegende Behinderungen der Bewegungsfähigkeit werden in der Regel durch Verletzungen des zentralen Nervensystems (Gehirn, Rückenmark) verursacht. Die zweithäufigste Ursache (nach dem Schlaganfall) ist das Schädel-Hirn-Trauma (SHT). 50% der SHT sind auf Verkehrs- und Arbeitsunfälle zurückzuführen, 20% auf Stürze, 20% auf Sportunfälle und knapp 10% auf Gewaltanwendungen. Die Anzahl der Neuerkrankungen (Inzidenz) an SHT beträgt 280/100.000 Einwohner pro Jahr. Davon sind bei mehr als 60% bleibende Störungen der motorischen Fähigkeiten zu erwarten (Disability-Prävalenz). Nach einer Hirnverletzung versucht man zunächst, das Ausmaß der lokalen Hirnschädigung zu verringern, z.B. durch medikamentöse oder operative Behandlung einer Hirnschwellung. Nach einer entsprechenden Stabilisierung der Patienten und Akutversorgung schließt sich eine Rehabilitationsbehandlung an. Deren Ziel ist erst einmal die Verbesserung der Bewegungsfähigkeit und erstreckt sich schließlich bis hin zur gesellschaftlichen und sozialen Integration. Der Schädel-Hirn-Verletzte durchläuft 6 typische Remissionsphasen (nach Gerstenbrand). Der Verlauf dieser Phasen lässt sich nicht über ein vermehrtes Therapieangebot beschleunigen (Freivogel, 1997). Wie lange diese Phasen dauern, lässt sich anhand der Dauer der Bewusstlosigkeit und der Dauer der apallischen Phase (d.h. nicht reaktiv auf Stimuli von außen) einschätzen: Jede Remissionsphase beansprucht bis zum Doppelten der Zeitspanne von Bewusstlosigkeit plus apallischer Phase. Beträgt die Dauer der Bewusstlosigkeit und des apallischen Zustandes zusammen 3 Monate, so ist also damit zu rechnen, dass die endgültige Remission (mit 6 Phasen von jeweils 3-6 Monaten) etwa 18-36 Monaten beanspruchen wird. Das bedeutet, dass die Rehabilitation nach schwerem SHT auch nach langer Zeit noch erfolgversprechend ist. Die traditionellen Rehabilitationskonzepte der motorischen Störungen sind im letzten Jahrhundert auf der Basis der damals gültigen Erkenntnisse entwickelt worden. In Deutschland werden seither vor allem die so genannten "neurophysiologischen Verfahren" wie Bobath oder PNF angewandt. Dabei handelt es sich um empirisch entwickelte Verfahren, bei denen der Therapeut eine zentrale Rolle spielt (hands-on-Konzept), ein wissenschaftlicher Beleg fehlt. Diese Therapien verlangen vom Physiotherapeuten eine berufsbegleitende Zusatzausbildung und werden höher vergütet als andere physiotherapeutische Verfahren. Die Qualität einer Rehabilitationseinrichtung wurde u.a. daran gemessen, ob solche Therapien angeboten werden konnten (federführend für die Kostenträger: die BfA). In den letzten Jahren wurden neuere Therapieverfahren entwickelt. Sie erwiesen sich - wissenschaftlich belegt - als den herkömmlichen Methoden überlegen. Allerdings haben diese neueren Therapieformen bisher nur sehr begrenzt Eingang in den klinischen Alltag gefunden. Ein Grund mag zum einen sein, dass diese Verfahren noch nicht in die Ausbildungsrichtlinien der Physiotherapeuten aufgenommen worden sind. Zum anderen mag es daran liegen, dass diese Verfahren aus Forschungen medizinischer Fakultäten hervorgingen, aber von den Physiotherapeuten zunächst nicht unterstützt wurden. Neue Therapieverfahren Im Einzelnen konnte für folgende neue Verfahren ein spezifischer Wirksamkeitsnachweis erbracht werden: Repetitives Üben Mentales Training Spiegeltherapie Erzwungener Gebrauch (Forced-Use-Therapie oder Constrained-induced-Movement-Therapie) Rhythmisch-akustisch intendiertes Training Lokomotionstraining Neben diesen speziellen Methoden sind auch allgemeinere Prinzipien des motorischen Lernens zu berücksichtigen. Diese Prinzipien stammen ursprünglich aus den Sport- und Trainingswissenschaften, ihre Wirksamkeit ist gut belegt. Dazu zählen:
Die neueren Verfahren sind also kein einheitliches Therapieschema, sondern als Module einer wissenschaftlich nachgewiesen effektiven Therapie in der Behandlung motorischer Störungen zu betrachten. Die Therapie für den Einzelfall muss immer individuell zusammengestellt werden. Die Wirksamkeit traditioneller und neuerer Verfahren Erst im Jahr 2000 konnte in einer randomisierten und kontrollierten Studie die Wirksamkeit der Bobath-Behandlung mit der Wirksamkeit eines so genannten Motor-Relearning-Konzeptes verglichen werden. Dabei waren die Ergebnisse der nach dem neuen Verfahren behandelten Gruppe bei Entlassung signifikant besser als die der Bobath-Gruppe. Zudem war die Zeit bis zur Entlassung deutlich kürzer. Darüber hinaus konnten für die oben aufgeführten aufgabenorientierten Konzepte jeweils spezifische Wirksamkeitsnachweise erbracht werden. Medikamente Aber gerade diese Medikamente werden - vor allem in der Akutphase auf der Intensivstation - noch häufig eingesetzt, da sie grundsätzlich medizinisch indiziert sind. Hier ist eine sorgfältige Nutzen-Risiko-Abwägung unbedingt notwendig, damit eine Erholung des Gehirns nicht etwa behindert wird. Häufig können diese Medikamente durch unproblematischere ähnliche Substanzgruppen ersetzt werden. Es hängt letztlich vom Kenntnisstand der nachbehandelnden Ärzte oder Rehabilitationseinrichtungen ab, ob solche Medikamente mit negativem Einfluss wieder abgesetzt werden bzw. ob umgestellt wird. Nachgewiesen ist auch, dass einige Medikamente positiv auf die Zellerholung im Gehirn wirken. Allerdings verbessert nicht allein die Gabe des Medikamentes die motorischen Fähigkeiten, sondern nur die Kombination von Medikament und Übungsbehandlung. Geeignete Medikamente sind L-Dopa, einige Antidepressiva und L-Thyreodops. Es ist zu erwarten, dass die medikamentöse Unterstützung der Übungsbehandlung in den nächsten Jahren zu einem festen und gesicherten Bestandteil der Therapie wird. Bisher setzt man jedoch nur in wenigen Rehabilitationskliniken solche Medikamente unterstützend ein. Ausblick und Empfehlungen Dabei hängt es von vielen Faktoren ab, in welcher Einrichtung der Betroffene rehabilitiert wird. Heimatnähe und der Vorschlag des Arztes im Akutkrankenhaus sind hier die wesentlichen Entscheidungskriterien. Selten wird nach spezialisierten Einrichtungen gesucht, die auch tatsächlich auf der Höhe der wissenschaftlichen Erkenntnisse der letzten Jahre arbeiten. Zudem gibt es für den Bereich motorisches Lernen in Deutschland noch keine strukturierte Ausbildung für Physiotherapeuten. Eine bundesweite Arbeitsgruppe aus Medizinern und Therapeuten ist zurzeit dabei, ein solches Curriculum zu erarbeiten. Um Rehabilitationseinrichtungen zu finden, die nach den modernen Konzepten arbeiten, sind Recherchen im Internet nur bedingt hilfreich. Die meisten Links führen zu Forschungseinrichtungen der Universitäten und zu sportwissenschaftlichen Instituten. Nur vereinzelt findet man Hinweise auf Rehabilitationskliniken, die motorisches Lernen als Therapiekonzept anbieten. Hier können Fachleute, die die einzelnen Einrichtungen kennen und die Arbeitsweise beurteilen können, wertvolle Entscheidungshilfe leisten. Denn die Wahl der richtigen Einrichtung kann letztlich die Verweildauer wie auch das Endergebnis positiv beeinflussen. Und die Behandlungskosten pro Kliniktag sind dabei gleich - egal, ob eine Klinik nach herkömmlichen oder nach den neuen Methoden arbeitet. Da aber mit den neuen Therapieformen die Ziele (zumindest im motorischen Bereich) meist schneller erreicht werden, lässt sich bei den Behandlungskosten eventuell sogar eine Einsparung erzielen. Die neuen Behandlungsmethoden in der Rehabilitation motorischer Störungen bieten also einen höheren Nutzen ohne zusätzliche Kosten. Sie gewinnen in den Rehabilitationseinrichtungen aber nur langsam an Boden. Literatur Freivogel, S.: Motorische Rehabilitation nach Schädelhirntrauma. Pflaum Verlag. München 1997 Freivogel, S. / Hummelsheim, H.: Qualitätskriterien und Leitlinien für die motorische Rehabilitation von Patienten mit Hemiparesen. Atuelle Neurologie 30 (2003). S. 401-406 Fries, W. / Freivogel, S. / Beck, B.: Rehabilitation von Störungen der Willkürmotorik. In: Frommelt, P., Grötzbach, H.: Neurorehabilitation. Blackwell Wissenschaftsverlag. Berlin 1999 Nelles, G. / Hesse, S. / Hummelsheim, H.: Motorische Rehabilitation nach Schlaganfall. In: Diener, H.C. / Hacke, W.: Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie. Thieme Verlag. Stuttgart 2002. S. 237-242 Platz, T.: Evidenzbasierte Armrehabilitation. Eine systematische Literaturübersicht. Nervenarzt 2003, 74. S. 841-849 Woldag, H. / Hummelsheim, H.: Evidence-based physiotherapeutic concepts for improving arm and hand function in stroke patients. A review. JNeurol 249 (2002). S. 518-528 |
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